Kurz gesagt
In Deutschland entscheidet bei 64 % der EU-weiten Ausschreibungen allein der Preis. Das zeigt eine Auswertung von TenderRender von 68.000 Auftragsbekanntmachungen mit Zuschlagskriterien, die 2025 auf TED erschienen sind. Wird die Qualität mitbewertet, zählt der Preis im Median 50 %; bei einem Viertel dieser Verfahren höchstens 30 %. Im Bau gehen 95 % der Bekanntmachungen nur auf den Preis, bei IT-Aufträgen 41 % und bei sonstigen Dienstleistungen 34 %.
Dieser Beitrag zeigt, wie Auftraggeber in Deutschland Preis und Qualität gewichten, nach Branche, mit den häufigsten Gewichtungen und den am häufigsten genannten Qualitätskriterien. Am Ende steht, was das für Ihr Angebot bedeutet und was sich nicht messen lässt.
Woher die Zahlen kommen
Unsere früheren Auswertungen betrafen Vergabebekanntmachungen, also die Meldungen nach dem Zuschlag. Darin steht nur, ob der Zuschlag auf den niedrigsten Preis oder auf das beste Preis-Leistungs-Verhältnis erteilt wurde. 2019–2023 ging so 67 % der deutschen Lose allein über den Preis (siehe Öffentliche Aufträge in Deutschland in Zahlen). Wie stark der Preis gewichtet war, steht dort nicht.
Die Auftragsbekanntmachung vor dem Verfahren enthält mehr. Seit der Umstellung auf eForms Ende 2023 nennt jede EU-weite Bekanntmachung je Los die Zuschlagskriterien: Art des Kriteriums (Preis, Kosten oder Qualität), Bezeichnung und Gewichtung. Wir haben alle Auftragsbekanntmachungen deutscher Auftraggeber aus 2025 über die Such-API von TED abgerufen und diese Felder ausgewertet. EU-Einrichtungen sind ausgeschlossen.
| 2025, Deutschland | Anteil |
|---|---|
| Auftragsbekanntmachungen | 86.001 |
| davon mit Zuschlagskriterien in der Bekanntmachung | 68.352 (79 %) |
| Nur Preis oder Kosten | 63,6 % |
| Preis und Qualität, Gewichtung in Punkten oder Prozent | 29,9 % |
| Preis und Qualität, Gewichtung leer oder 0 | 5,7 % |
| Kein Preiskriterium (z. B. Festpreis) | 0,4 % |
| Preis ohne Punktgewicht | 0,3 % |
Der Anteil „nur Preis“ von 63,6 % passt zu den Vergabebekanntmachungen der Vorjahre (67,2 % der Lose 2019–2023). Die Felder werden also verlässlich befüllt.
Wie stark zählt der Preis, wenn Qualität mitbewertet wird?
Für 20.467 Bekanntmachungen mit Qualitätswertung und Gewichtung in Punkten oder Prozent lässt sich der Preisanteil berechnen.
| Preisgewichtung bei Preis-Leistungs-Verhältnis (2025) | Deutschland |
|---|---|
| Median | 50 % |
| Mittlere Hälfte (25.–75. Perzentil) | 30–60 % |
| Preis zählt höchstens 30 % | 27,8 % |
| Preis zählt 31–50 % | 37,5 % |
| Preis zählt mehr als 50 % | 34,8 % |
Auftraggeber wählen fast immer runde Zahlen. Die häufigsten Preisgewichtungen sind 50 % (17,9 % der Bekanntmachungen), 30 % (16,9 %), 40 % (13,8 %), 60 % (9,8 %) und 70 % (7,9 %).
Der Preisanteil ist die Summe der Punkte für Preis und Kosten geteilt durch alle Punkte. Bei 40 Punkten Preis und 60 Punkten Qualität sind das 40 %. Betrachtet man nur Bekanntmachungen mit einem einzigen Los, liegt der Median bei 40 %. Bekanntmachungen mit vielen Losen, oft im Bau und bei Lieferungen, gewichten den Preis also stärker.
Nach Branche: Bau, IT, Dienstleistungen und Lieferungen
Die Branchen folgen dem Haupt-CPV-Code der Bekanntmachung: Bau ist CPV 45, IT ist CPV 48 und 72, der Rest folgt der Auftragsart.
| Branche (2025) | Bekanntmachungen mit Kriterien | Nur Preis | Median Preisgewicht bei Qualitätswertung | Preis höchstens 30 % | Preis über 50 % |
|---|---|---|---|---|---|
| Bau (CPV 45) | 28.235 | 95,1 % | 70 % | 5,7 % | 70,1 % |
| IT (CPV 48 und 72) | 3.787 | 40,6 % | 50 % | 22,0 % | 22,7 % |
| Sonstige Dienstleistungen | 24.018 | 34,2 % | 40 % | 37,3 % | 28,3 % |
| Sonstige Lieferungen | 12.312 | 55,8 % | 50 % | 8,7 % | 49,6 % |
„Nur Preis“ bezieht sich auf alle Bekanntmachungen mit Zuschlagskriterien. Median und Verteilung gelten für Bekanntmachungen mit Qualitätswertung und messbarer Gewichtung.
Drei Beobachtungen:
- Im Bau entscheidet fast immer der Preis. 95 % der Bau-Bekanntmachungen nennen nur den Preis. Selbst wenn Qualität zählt, liegt der Preis im Median bei 70 %. Das deckt sich mit den Zuschlägen 2019–2023, siehe Bauaufträge in Deutschland in Zahlen.
- Bei Dienstleistungen zählt Qualität am meisten. Nur ein Drittel geht allein über den Preis, und bei über einem Drittel der übrigen zählt der Preis höchstens 30 %. Hierzu gehören Planungs-, Beratungs- und Ingenieurleistungen.
- IT liegt in der Mitte. 41 % der IT-Bekanntmachungen gehen nur über den Preis. Bei den anderen ist 50:50 die Regel; die mittlere Hälfte liegt zwischen 40 und 50 %. Mehr dazu in IT-Ausschreibungen in Deutschland in Zahlen.
Welche Qualitätskriterien werden genannt?
Bei Bekanntmachungen mit einem Los und Qualitätswertung gibt es im Median zwei Qualitätskriterien; bei 50 % nur eines. Viele Kriterien heißen schlicht „Qualität“, „Qualitätskriterium“ oder „Leistungsbewertung gemäß Kriterienkatalog“. Bei 48 % der Bekanntmachungen lässt sich aus dem Namen kein Thema ableiten. Die Unterkriterien stehen dann in den Vergabeunterlagen.
Wo der Name etwas verrät, sind das die häufigsten Themen (Anteil an 21.476 Bekanntmachungen mit benannten Qualitätskriterien):
| Thema im Namen des Qualitätskriteriums | Anteil |
|---|---|
| Konzept, Methodik, Projektorganisation, Umsetzung | 30,6 % |
| Projektteam, Personal, Qualifikation, Erfahrung, Referenzen | 22,8 % |
| Technischer Wert, Funktionalität, Anforderungen | 10,9 % |
| Präsentation, Teststellung, Muster, Interview | 5,4 % |
| Nachhaltigkeit, Umwelt, Klima | 4,8 % |
| Service, Wartung, Garantie | 4,3 % |
| Lieferzeit, Termine, Ausführungsfrist | 3,6 % |
Eine Bekanntmachung kann mehrere Themen haben. Die Zuordnung beruht auf Stichwörtern im Namen; die echten Anteile liegen höher, weil ein Kriterium namens „Qualität“ in den Unterlagen etwa ein Konzept bewerten kann.
Auffällig ist der hohe Anteil von Personal und Erfahrung. § 58 Abs. 2 VgV erlaubt ausdrücklich, die Organisation, Qualifikation und Erfahrung des eingesetzten Personals als Zuschlagskriterium zu verwenden, wenn dessen Qualität erheblichen Einfluss auf die Ausführung haben kann. Nachhaltigkeit wird dagegen selten als eigenes Kriterium benannt: 4,8 % in Deutschland, gegenüber 15,7 % in den Niederlanden.
Was bedeutet das für Ihr Angebot?
Prüfen Sie die Gewichtung vor der Bid/No-Bid-Entscheidung. Die Bekanntmachung nennt sie meist schon. Bei einem Preisanteil von 70 % gewinnt in der Regel das günstigste Angebot, bei 30 % kann ein teureres Angebot mit besseren Konzepten vorne liegen. Hinweise zur Entscheidung finden Sie in Bid/No-Bid-Entscheidung bei Ausschreibungen.
Bei Dienstleistungen schreiben Sie den Zuschlag. Konzepte und Projektteam sind die meistgenannten Kriterien. Wie Sie dort Punkte holen, lesen Sie in Ausschreibungen über Qualität gewinnen und Konzepte für Ausschreibungen mit KI schreiben.
Im Bau gewinnen Sie über Kalkulation und Formalien. Wenn 95 % nur über den Preis entschieden werden, lohnt sich Aufwand vor allem in einer vollständigen, fehlerfreien und scharf kalkulierten Abgabe.
„Qualität“ ist selten nur ein Kriterium. Hinter einem Kriterium mit diesem Namen stehen meist mehrere Unterkriterien mit eigenen Punkten. Diese bestimmen, wo Ihre Schreibzeit hingehört.
TenderRender zieht die Zuschlagskriterien und ihre Gewichtung aus den Vergabeunterlagen, mit Quellenverweis auf die Seite, auf der sie stehen. In der Prüfung bewertet TenderRender Ihren Text je (Unter-)Kriterium, mit Punktzahl, Schwächen nach Schwere und einem konkreten Vorschlag. Die Punktzahl ist ein Hilfsmittel, keine Vorhersage der Wertung durch die Vergabestelle.
Was sich nicht messen lässt
- Gewichtung nur in den Vergabeunterlagen. 21 % der Bekanntmachungen nennen keine Zuschlagskriterien, weitere 5,7 % ohne Gewichtung oder mit 0. Die Gewichtung muss dann in den Vergabeunterlagen stehen (§ 58 Abs. 3 VgV).
- Wertungsmethode. Wie Preispunkte vergeben werden (etwa linear oder über eine Formel), steht nicht in der Bekanntmachung. Sie kann die tatsächliche Wirkung des Preises stark verändern.
- Lose mit unterschiedlichen Kriterien. Eine Bekanntmachung mit mehreren Losen zählt einmal, alle Kriterien zusammen.
- Unterschwellenvergaben. Aufträge unterhalb der EU-Schwellenwerte erscheinen meist nur auf nationalen Plattformen und sind hier nicht enthalten.
- Zusammenhang mit dem Ergebnis. Ob eine niedrigere Preisgewichtung mehr Bieter oder andere Gewinner bringt, zeigen diese Felder nicht.
Über diese Zahlen
- Quelle: TED (Tenders Electronic Daily, ted.europa.eu), abgerufen über die Such-API von TED (api.ted.europa.eu) am 15. Oktober 2026. Auswertung durch TenderRender.
- Auswahl: Auftragsbekanntmachungen (eForms-Typ „cn-standard“) mit Veröffentlichung 2025, Auftraggeber mit Sitz in Deutschland. EU-Einrichtungen sind mit demselben Namensfilter ausgeschlossen wie in unseren anderen Datenbeiträgen.
- Einheit: eine Bekanntmachung (TED-Veröffentlichungsnummer).
- Preisgewichtung: Punkte für Preis und Kosten geteilt durch alle Punkte, nur bei Gewichtung in Punkten oder Prozent. Spannen und Rangfolgen zählen nicht im Median.
- Themen: Stichwörter im Namen des Qualitätskriteriums, ohne manuelle Prüfung jeder Bekanntmachung.
- Vergleich mit Zuschlägen: Die Anteile „niedrigster Preis“ 2019–2023 stammen aus unserer früheren Auswertung der TED-Vergabebekanntmachungen (Anteile an Losen).
Häufige Fragen
Wie stark wird der Preis bei öffentlichen Ausschreibungen in Deutschland gewichtet?
Bei EU-weiten Verfahren mit Qualitätswertung zählte der Preis 2025 im Median 50 %. Die mittlere Hälfte lag zwischen 30 und 60 %. Bei Verfahren mit nur einem Los lag der Median bei 40 %.
Wie oft entscheidet allein der Preis?
Bei 63,6 % der Auftragsbekanntmachungen mit Zuschlagskriterien im Jahr 2025. Im Bau sind es 95,1 %, bei sonstigen Dienstleistungen 34,2 %.
Welche Preisgewichtung ist am häufigsten?
50 % (17,9 % der Bekanntmachungen mit Qualitätswertung), gefolgt von 30 % (16,9 %) und 40 % (13,8 %).
Welche Qualitätskriterien kommen am häufigsten vor?
Konzepte und Methodik (30,6 % der Bekanntmachungen mit benannten Qualitätskriterien) sowie Projektteam, Personal und Erfahrung (22,8 %). Fast die Hälfte nennt nur einen allgemeinen Namen wie „Qualität“.
Wo finde ich die Gewichtung einer Ausschreibung?
Meist in der Auftragsbekanntmachung bei den Zuschlagskriterien je Los. Fehlt sie dort, muss sie in den Vergabeunterlagen stehen (§ 58 Abs. 3 VgV).
Wird in Deutschland häufiger über den Preis entschieden als in den Niederlanden?
Ja, deutlich. In den Niederlanden gehen nur 17,7 % der Bekanntmachungen allein über den Preis, und bei Qualitätswertung zählt der Preis im Median 35 %. In Belgien sind es 32,7 % und 50 %.
Weiterlesen
- Ausschreibungen über Qualität gewinnen
- Öffentliche Aufträge in Deutschland in Zahlen (2026)
- Angebot prüfen mit KI
- Bauaufträge in Deutschland in Zahlen (2026)
Quellen
- TED, Tenders Electronic Daily: https://ted.europa.eu
- TED Search API: https://api.ted.europa.eu
- Vergabeverordnung (VgV), § 58: https://www.gesetze-im-internet.de/vgv_2016/__58.html
- GWB, § 127: https://www.gesetze-im-internet.de/gwb/__127.html
- Richtlinie 2014/24/EU, Art. 67: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:32014L0024